by Richard Grillenbeck

Wie Dolby mit seinen Teams Hör-Welten schafft, wollte ich für mein geplantes Buch über Teamcoaching in einem Interview mit Andreas Ehret, VP Consumer Entertainment Technology bei Dolby Germany, wissen. Herausgekommen ist ein spannendes Gespräch über Agilität, Menschlichkeit und Teamwork.

„Frag ihn, ob er was mit Atmos zu tun hat“ bittet mich mein Sohn vor dem Treffen mit Andreas Ehret bei Dolby in Nürnberg. Kinos die zum 3-dimensionalen Seherlebnis auch noch das 3D-Hörerlebnis fassbar machen, sind zum non-plus-ultra der Film-Fans geworden. Mittlerweile auch für das „semi-professionelle“ Heimkino erhältlich, begeistert der natürlich klingende Soundeppich die audiophilen Filmseher weltweit.  Als Ausgliederung des Fraunhofer Instituts, bekannt geworden mit dem MP3 Format für die Digitalisierung von Tönen, vor allem Musik, wurde die Gruppe um Andreas Ehret nach kurzer Zeit im Jahr 2007 von Dolby gekauft.

Ehret führt mehrere Teams in seiner Rolle als Vice President des global players Dolby, organisatorisch und fachlich. Teamleiter der Niederlassungen in Polen, Peking, Sydney und San Francisco berichten an ihn. Er leitet dann aber auch Entwicklungs-Teams in Nürnberg und hat die Projekt-Methode scrum dort im täglichen Einsatz. Und tatsächlich liegt hier Dolby Atmos in der Luft.

Wir unterhalten uns zunächst über eine Umstrukturierung vor sechs Monaten, als er sein neues globales Team zusammenstellen durfte. Natürlich hatte er einige Kandidaten schon im Blick, aber er kannte sie nicht alle persönlich. In zahlreichen Einzelgesprächen über zukünftige Ideen und Strukturen aus der Umorganisation wollte er das Team vor allem auf der persönliche Ebene treffen und die Impulse der Kolleginnen und Kollegen aufnehmen. Formell „gebildet“ wurde das Team dann in einem 3-Tage Workshop in Kalifornien. Die Tage in Strandnähe waren veranstaltet worden, um sich besser kennenzulernen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Ohne externen Moderator nahm sich das Team Zeit, um in Kontakt zu kommen und sich privat, als Menschen, kennenzulernen. Programmpunkte und spontane gemeinsame Aktionen wurden abwechselnd durchgeführt.

Der positive Effekt ist immer noch spürbar, als Ehret vom Teamgeist erzählt, der von gegenseitigem Respekt geprägt ist. In den wöchentlichen virtuellen Treffen über Video- oder auch reinen Audiokonferenzen über das firmeneigene Dolby-voice System ist „echtes Reden“ möglich; Tacheles, ohne verletzend zu werden. Der gemeinsame Antrieb, die zugrundeliegende Vision, ist gespeist aus dem Bewusstsein, dass Medien – hier hauptsächlich der Ton – den Menschen vielfältige Bereicherungen in verschiedensten Erlebnissen bringen. Dass Technologie, Transport und Ausstrahlung von Musik und Tönen, Gefühle beeinflusst, wissen wir alle, die wir Musik spielen und genießen oder kürzlich im Kino waren und das neueste Soundsystem Dolby Atmos erlebt haben.

Ehret spricht daher von „Ökosystemen“, die Dolby schafft. Von der ersten Aufnahme mit passenden Mikrofonen am Set bis zur Post-Produktion im Studio sind Dolby-Entwickler beteiligt, damit im Heimkino oder Kinosaal das 3-D Erlebnis von Sound zu genießen ist. Die Aufgaben gehen nicht aus, denn natürlich sollen die Aufnahmen auch auf kleinen Anlagen oder gar tragbaren Geräten immer noch gut klingen. Dazu bestehen die Entwicklerteams der einzelnen Software-Bestandteile, wie die scrum-Methode es vorschlägt, aus 3-8 Personen, die im daily Stand-Up kontinuierlich am Produkt und den internen Verbesserungen arbeiten. Die regelmäßige Retrospektive wird jedes Mal genutzt, um 1-2 Punkte zu ändern und in den nächsten Sprint-Zyklus zu tragen. Die schon angesprochene Rückwärts- oder nach-unten Kompatibilität des Produkts wird auch durch automatisierte Testverfahren gesichert.

Auch das globale Management-Team nutzt solche Retrospektiven im gleichmäßigen Rhythmus, um sich weiterzuentwickeln. Mit Ehrets Worten hat sich das Team gefunden, um sich täglich neu zu erfinden, auf das Hier und Heute zu schauen, dabei das Morgen nicht vergessend. Seine Entwickler sind dabei die Brücke zwischen Engineering Excellence und strategischer Innovation.

Daher gibt es auch keine Zielvereinbarungsgespräche im jährlichen Rhythmus, sondern quartalsweise. Das HR-Modul, in dem die Ziele auf allen Ebenen sichtbar sind, unterstützt den engagierten Vice President dabei, die Ziele seines Vorgesetzten und die seiner Mitarbeiter zu verknüpfen. Offene und transparente Kommunikation ist ihm dabei wichtig.

Um auf die Kundenbedürfnisse einzugehen, spricht Ehret regelmäßig mit seinen Business Partnern in der Firma und mit dem Vertrieb. Zwei oder dreimal im Jahr besucht er Messen und Kongresse, um sich mit Kunden direkt zu unterhalten.

Themen, die ihn und sein Team umtreiben, sind derzeit die Entscheidungskultur im Unternehmen zu formen, transparenter zu machen und beteiligte Rollen zu dokumentieren. Als Unternehmer im Technologiesektor ist es ihm wichtig, Innovationen voranzutreiben. Methoden wie Design Thinking dabei zu nutzen, sieht er als must, nicht nice-to-have.

Take-Away: Was können wir von den Ton-Künstlern lernen?

Nutzen Sie scrum und agile Ansätze, um sich und ihr Team weiterzuentwickeln. Ich bin der Überzeugung, dass Agilität und scrum mehr sind als nur Methoden für die Software Entwicklung. In allen Projekten und vor allem in der persönlichen Weiterentwicklung sind schnellere Anpassungen und Veränderungen mit agilen Werkzeugen sehr gut umsetzbar.

Überlegen Sie, wie Sie product backlog, daily scrum, sprint, review und retrospective für Ihre Produktentwicklung, für Ihre Aufgaben nutzen können. Sie werden beweglicher und können schneller auf Anforderungen reagieren. Ein Freund von mir hat z.B. mit seinem Kollegen den scrum Ansatz für die gemeinsame Übersetzung eines Buches verwendet.

Treffen Sie sich regelmäßig und kurz mit allen Teammitgliedern, wie in einem scrum-sprint, und besprechen Sie, was Sie derzeit tun, was Sie als nächstes tun werden und wo Sie Hindernisse aufgespürt haben. Lösungsmeetings kommen erst danach, falls notwendig.

Nehmen Sie die soziale Komponente ernst. Zusätzlich zur großartigen Firmenvision oder Produktvision kann der Teamspirit viel bewirken. Geben Sie dem Team Gelegenheiten, sich auf privater und persönlicher Ebene auch im Arbeitsumfeld zu treffen.

Wenn Sie das nächste Team zusammenstellen, behandeln Sie intensive Vorgespräche, das Kick Off Meeting, Teamgeist entwickeln und regelmäßiges Einbeziehen aller Beteiligten als Ihre vordringlichste Aufgabe.

Persönliches Abschlusswort und Dank

Das geplante Buch zum Thema Teamcoaching wird von mir natürlich ab sofort mit agilen Methoden entwickelt. Sie können dabei sein! Werden Sie Teil meiner Feedbackschleifen, nehmen Sie Teil an den sprint reviews mit Demos (Vorabveröffentlichungen) und geben Sie mir Feedback in dem Retrospektiven. All dies werde ich demnächst aufsetzen: mein Plan ist, bis Ende April den ersten Review möglich zu machen.

Meinem Sohn erzählte ich nach seiner Bandprobe nicht nur von den beeindruckenden Ton-Studios, sondern auch von der E-Gitarre, die gleich neben der Tür im Büro von Andreas Ehret steht und die auch regelmäßig zur Entspannung gespielt wird. Manchmal, wenn es die Geschäftspartner erlauben, mache ich Sohnemann zu gern neidisch auf die interessanten Leute, die ich in meinem Beruf treffen darf…

Danke an Andreas Ehret, der mich so herzlich durch die Dolby-Welt geführt und mir die Ohren für weitere Feinheiten geöffnet hat!

Kontakte:

Andreas Ehret | www.dolby.com | andreas.ehret(at)dolby.com
Richard Grillenbeck | www.business-coach.de | info(at)business-coach.de

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